Frag doch mal den Neurowissenschaftler!

Funktioniert Lernen bei Mensch und Tier gleich?

Es antwortet: Prof. Dr. Bertram Gerber, Leiter der Abteilung Genetik von Lernen und Gedächtnis

Ja und nein! Nervenzellen bestehen bei Tier und Mensch aus den gleichen Bauteilen – selbst bei Bienen, Fliegen oder Quallen. Außerdem laufen die Veränderungen der Nervenzellen beim Lernen fast gleich ab. Andererseits können Gehirne sehr verschieden sein: Unseres ist zum Beispiel sehr verschieden von dem Strickleiternervensystem einer Biene. Und mit verschiedenen Gehirnen lassen sich verschiedene Dinge lernen – jedoch mit den gleichen Mechanismen.

Warum merke ich mir Dinge besser, wenn ich motiviert bin und Spaß beim Lernen habe?

Es antwortet: PD Dr. Max Happel, Leiter der AG Cortexplorer

Interessiert mich ein bestimmtes Fach in der Schule besonders, fällt mir das Lernen dafür leichter, denn der eigene innere Antrieb und Neugierde sind die beste Motivation. Habe ich beim Lernen ein Konzept erfolgreich verstanden, belohnt mich mein Gehirn mit einem Glücksgefühl: es kommt durch die Ausschüttung von Dopamin, einem Neurotransmitter, zustande. Dopamin erreicht viele Hirnbereiche, unter anderem die Großhirnrinde, die für das Langzeitgedächtnis wichtig ist. Dopamin ist ein wichtiger „Lernturbo“ und sorgt dafür, dass neue Synapsen entstehen und sich Nervenzellen stärker verknüpfen – die Grundvoraussetzung von (positiv erlebtem) Lernen.

Unter welchen Bedingungen lernen Kinder am Besten?

Es antwortet: Prof. Dr. Nicole Wetzel, Leiterin der Forschungsgruppe Neurokognitive Entwicklung

Viele verschiedene Faktoren beeinflussen den Lernerfolg bei Kindern. Aufmerksamkeit spielt häufig eine wichtige Rolle. In unseren Studien haben wir beobachtet, dass sich die Kontrolle über die Aufmerksamkeit im Verlauf der Kindheit erst entwickelt. So kann eine für ein Grundschulkind geeignete Lernumgebung für ein Kindergartenkind möglicherweise zu ablenkend sein und es lernt weniger gut. Damit Kinder neue Dinge lernen, sind auch Lernpausen und ausreichend Schlaf ganz wichtig.

Wie zuverlässig ist unser Gedächtnis?

Es antwortet: Prof. Dr. Eckart Gundelfinger, Wissenschaftler Direktor des LIN & Leiter der Abteilung Neurochemie & Molekularbiologie

Unser Gehirn hat keine Festplatte wie ein Computer. Es hat also keinen passiven Informationsspeicher. Vielmehr werden Gedächtnisinhalte, beispielsweise persönliche Erinnerungen, dezentral gespeichert, stetig umgebaut und mit neuen Informationen verknüpft. Immer wenn wir eine Erinnerung abrufen, wird sie wieder neu eingespeichert (rekonsolidiert) und kann dabei in Abhängigkeit von der Situation zum Zeitpunkt des Abrufs verändert werden. Unser Gedächtnis ist also nicht statisch, sondern dynamisch. Offenbar hat sich unser Gehirn während der Evolution nicht als zuverlässiger Datenspeicher entwickelt. Es ist stattdessen ein Instrument, damit wir unser zukünftiges Handeln flexibel planen können. Dazu braucht es einen großen Erfahrungsschatz, aber nicht notwendigerweise unendlich viele Detailinformationen.

Warum verlernt man das Radfahren nicht, wenn man es einmal kann?

Es antwortet: Dr. Max-Philipp Stenner, Leiter der AG Motorisches Lernen

An Bewegungen, wie dem Radfahren, sind oft viele unserer über 600 Muskeln gleichzeitig beteiligt. Nach anfänglichem Lernen klappt das fein aufeinander abgestimmte An- und Entspannen von Muskeln lebenslang mühelos und flexibel. Doch warum können wir solch komplexe Bewegungen auch nach langer Pause mühelos abrufen und vergessen sie nicht wieder? Wenn wir Radfahren lernen, verinnerlichen wir eigentlich ein Modell der wesentlichen Grundprinzipien zur Bedienung eines Fahrrads, z.B., dass ein Fahrrad beschleunigt, wenn wir in die Pedale treten. Anhand solcher internen Vorwärtsmodelle kann unser Nervensystem simulieren, wie sich eine bestimmte Muskelanspannung zum Beispiel auf die Beschleunigung des Fahrrads auswirken wird. Umgekehrt kann unser Nervensystem so Muskelanspannungen berechnen, die z.B. für eine gewünschte Beschleunigung notwendig sind. Solche "Simulationsmodelle" zu verinnerlichen, ist viel "machbarer", effizienter und flexibler als ein Abspeichern komplizierter, starrer Muster konkreter Muskelanspannungen.

Sie haben auch eine Frage, die Sie unseren Forschenden gern stellen möchten?

Dann schreiben Sie uns einfach eine E-Mail an: kontakt(at)lin-magdeburg.de!

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